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Etwa 1,6 Millionen Menschen werden jedes
Jahr in Deutschland wegen einer psychischen Krankheit behandelt.
Viele von ihnen sind Eltern. Was erleben die Kinder dieser
Eltern? Welche Auswirkungen hat es wenn Vater oder Mutter
beispielsweise depressiv ist?
Maria Müller: Die Kinder
erleben die Eltern als sehr, sehr traurig. Erleben manchmal, dass die
Eltern sehr spät aufstehen, oder überhaupt nicht aufstehen. Sie
können nicht einordnen warum sie so traurig sind, warum sie weinen,
nicht aufhören zu weinen. Sie beziehen es manchmal auf sich. Sie
denken dann: „War ich in der Schule schlecht? Hab ich sie gekränkt?
Hab ich so irgendetwas gemacht?“ Sie haben keinen Namen für die
Krankheit und sie können sich einfach nicht vorstellen, was mit der
Mama los ist, denn gestern war sie ja vielleicht noch ganz lustig.
Wenn zum Beispiel eine
Borderline-Problematik vorliegt, mit großen Stimmungsschwankungen,
also das betroffene Elternteil wird plötzlich aggressiv, sozusagen
aus dem Nichts, schreit, kann mit der Wut nicht umgehen, dann bekommt
das Kind Angst.
Gibt es, einerlei welche psychische Krankheit die Eltern haben,
übergreifende Reaktionen der Kinder?
Maria Müller: Ja. Das ist
etwas was wir häufig erleben, dass die Kinder reife Kinder sind, so
Superkinder. Manchmal gehen wir aus den Gruppen mit richtiger
Hochachtung vor den Kindern. Manche Kinder lernen sehr früh darauf
zu achten, dass die Eltern ihre Medikamente nehmen, sie sorgen sich,
organisieren einiges, also sie sind manchmal emotional sehr viel
reifer.
Wie reagieren jüngere Kinder, wie ältere? Gibt es einen
Unterschied?
Maria Müller: Die Frage ist
schwierig. Wenn die Mutter krank ist und das Kind erlebt das sehr
früh, dann erlebt es diesen Alltag als normal. Wenn die Mutter oder
der Vater eine Weile gesund sind und werden dann krank, dann kommt es
zu einer Irritation und die Irritation führt natürlich zu Ängsten.
Was ist los mit der Mama? Sie bemerken, dass die Umgebung die Mama
anders wahrnimmt, das macht auch wieder Angst. Sie werden isoliert.
Wenn sie älter sind, trauen sie sich nicht Freunde einzuladen, weil
man weiß ja nicht, liegt die Mama heute auf dem Sofa, hat sie heute
ihren schlechten Tag. Das heißt, viele unserer Kinder haben auch
Schwierigkeiten mit Kontakten. Das ist ein Grund warum Skipsy so
wertvoll ist, dass sie da erleben, dass andere Kinder ähnliche
Kontaktschwierigkeiten haben und sie erleben, wie schön es ist,
wieder mit anderen Kindern zusammen zu sein.
Wie reagieren die Eltern wenn sie Angebote machen für die
Kinder?
Maria Müller: Wenn jemand akut
krank ist, dann ist er nicht in der Lage an die Angehörigen zu
denken. „Unsere“ Eltern sind ja meist schon ein Stück weiter.
Sie haben bereits Therapien hinter sich oder laufende Therapien. Und
sie werden „überwiesen“ – sag ich jetzt – von Fachkollegen,
die mit den Elternteilen arbeiten, also von der psychologischen
Beratungsstellen, von den anderen Beratungsstellen wie zum Beispiel
der Schulberatungsstelle, vom Jugendamt, von der Tagesklinik von der
Reichenau, von den Psychiatern in der Stadt Singen. Aber wir haben
auch Fälle, wo sich Kollegen zwei Jahr bemühen die Betroffenen zu
überzeugen, dass Skipsy ein gutes Angebot ist.
Was sind die Vorbehalte der Eltern?
Maria Müller: Ich denke Scham.
Das ist ein gesellschaftliches Problem. Psychische Krankheiten sind
tabuisiert.
Was bieten sie den Kindern?
Maria Müller: Wir bieten ihnen
einen Raum, wo es entspannt zugeht, wo es fröhlich zugeht, wo sie
Kinder sein können, spielen können, lachen können – das ist
sicherlich was ganz wichtiges. Wir bieten ihnen aber auch
Information. Das heißt, wir nehmen manchmal Bücher zu Hilfe, die
diese Themen aufarbeiten. Wir beantworten ihre Fragen kindgemäß,
wir versuchen zu erklären wie sie sich verhalten können, wir
versuchen neue Bewältigungsstrategien spielerisch mit ihnen zu
finden. Praktisch gibt es viele Rollenspiele, wir erzählen viele
Geschichten, wir arbeiten künstlerisch. Damit sie ihre Gefühle
kennen lernen und lernen mit ihnen adäquat umzugehen. Und damit sie
auch lernen, mit anderen Kindern kann ich darüber reden, ich bin in
einem vertrauten Rahmen und es geht mir gut dabei.
In welchem Alter sind die Kinder? Gibt es eine Begrenzung bei
Skipsy?
Maria Müller: Dank Kinderland
Baden-Württemberg haben wir jetzt sogar die Möglichkeit 5-jährige
zu nehmen oder Kinder, die einen erhöhten Förderbedarf haben. Dann
haben wir eine Gruppe für jüngere Schulkinder, eine Gruppe für
ältere Schulkinder, ein Angebot für Jugendliche und ein Angebot für
junge Erwachsene.
Skipsy läuft jetzt fast vier Jahre
und wir haben in den vier Jahren 42 Kinder betreut. Die Verweildauer
ist zwischen einem halben Jahr bis zu zwei Jahren. Ergänzend haben
wir noch ein Angebot für die Kinder, die zwei Jahre da waren und
weiterhin Kontakt wollen: die Ehemaligengruppe, sie trifft sich
einmal im Monat.
Reden die Kinder miteinander über die Probleme in ihrer
Familie?
Maria Müller: Es ist sehr
unterschiedlich. Manchmal sogar Tagesverfassung. Es kommt darauf an
was jedes Kind mitbringt. Wenn ein Kind mitbringt, dass die Mama
jetzt wieder nicht aufgestanden ist und dass es schlimm war, dass es
heute die Schulsachen und alles vergessen hat, dann sind wir beim
Thema Mutter. Große sprechen das direkt an, die fragen: was ist
Borderline? Kleine leben es eher.
Hilft Skipsy den Kindern selbst nicht psychisch krank zu
werden?
Maria Müller: Es ist für alle
die präventiv arbeiten ein großer Wunsch, aber wir haben es nicht
in der Hand.
Bekommen sie Rückmeldungen?
Maria Müller: Ja. Wir haben
Auswertungsbogen. Die andere Sache ist der Kontakt zu den Ehemaligen
in den Ehemaligengruppen. Da merkt man, dass die immer gerne wieder
kommen, dass sie mal eine Mail schreiben, sagen wie es ihnen geht.
Das sind Zeichen für uns, es bringt ihnen etwas.
Was bringt den Kindern am meisten?
Maria Müller: Die häufigste
Antwort ist: „Dass ich weiß was mit Mama oder Papa los ist“,
„dass ich weiß, dass Psychiatrie kein schlimmes Wort ist“, „dass
Mama oder Papa eine normale Krankheit haben“. Das geht aus den
Auswertungsbogen hervor. Sehr häufige Auswertungen sind aber auch,
dass „es lustig war“, dass „es schön war“, dass „wir
gespielt haben“, „die anderen Kinder“.
In wie weit ist die AWO im Spiel bei Skipsy? Wie finanziert
sich Skipsy?
Werner Neidig: Die AWO ist in
so weit hier mit im Spiel, als sie als Rechtsträger für dieses
Projekt fungiert. Das heißt, wir müssen schauen, dass die
Finanzierung der etwa acht Honorarkräfte, die da regelmäßig
mitarbeiten, auch ein Anteil einer hauptamtlich beschäftigten
Mitarbeiterin, letztendlich finanziert werden können. Dazu sind wir
in der glücklichen Lage, dass wir zunächst einmal einen Zuschuss
vom Landkreis Konstanz erhalten und dann sind wir immer wieder darauf
angewiesen, dass wir über Stiftungen und andere Gruppierungen
regelmäßige andere Finanzierungsquellen uns erschließen. Wir sind
froh, dass es gelungen ist über die Rotarier zusätzliche Mittel zu
bekommen, um einige Projekte die wir zusätzlich vor haben mit den
Kindern auch durchführen zu können.
Also derzeit sind die Finanziers für
das laufende Jahr 2010:
Der Landkreis Konstanz, die AWO, sie
muss auch einige Mittel zusätzlich einbringen, dann erwarten wir
jetzt von den Rotariern eine Spende und die Stiftung Kinderland
Baden-Württemberg hat uns auch einen Zuschuss bewilligt, so dass wir
insgesamt über 30.000 Euro über diese Mittel finanzieren können.
Das heißt aber sie müssen von Jahr zu Jahr schauen, dass sie
sich Geldquellen erschließen?
Werner Neidig: Das ist richtig.
Wir sind sehr froh, dass die vielen Ehrenamtlichen, die bei uns im
Projekt mitarbeiten, sehr aktiv daran arbeiten, dass wir über
zusätzliche Sponsoren an Gelder heran kommen. Denn die Zuschüsse,
die wir bisher pauschal vom Landkreis erhalten haben, würden die
Gesamtkosten des Projektes nicht decken. Zumal sie für den Landkreis
Konstanz 2010 auslaufen und wir darauf angewiesen sind, dass eine
Weiterförderung ab 2011 dann auch tatsächlich wieder bewilligt
wird.
Woher kommt das Wort Skipsy?
Werner Neidig: Skipsy ist fast
ein Kunstwort. Es setzt sich zwar zusammen aus dem Satz „Singener
Kinder psychisch kranker Eltern“, aber uns war sehr wichtig, dass
ein Wort gefunden wird mit dem sich auch die Kinder identifizieren
können, das für sie eingängig ist. Aber es sind nicht nur Singener
Kinder, die an den Gruppen teilnehmen, sondern inzwischen vom
gesamten westlichen Landkreis: Höri, Konstanz, Radolfzell,
Gottmadingen und Engen.
Dann ist das aber sicher auch ein logistisches Problem. Wie ist
das geregelt, dass die Kinder rechtzeitig bei ihnen in der Gruppe
sein können?
Maria Müller: Da haben wir
auch wieder Glück, dass der Rotary Club A 81-Bodensee-Engen uns hier
tatkräftig hilft und eine Frau den Fahrdienst übernommen hat.
Natürlich schauen wir, dass die Kinder von den Eltern oder
Betreuungspersonen gebracht werden, aber manchmal wäre es nicht
möglich ohne diesen Fahrdienst.
Sie haben als Logo für Skipsy ein Känguru gewählt, warum?
Maria Müller: Eigentlich haben
wir uns da gar nicht so schrecklich viel überlegt. Es hatte einer
gesagt, irgendwo in einem Kinderbuch heißt ein Känguru Skipsy, dann
haben wir das in den Gruppen besprochen und die fanden das alle ganz
toll, weil ein Kängurubeutel gleichzeitig etwas beschützendes und
doch offenes ist.
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